Wenn wir für unser Repair-Café etwas anschaffen müssen, versuchen wir dies möglichst nachhaltig, regional und verantwortungsvoll zu tun. Dafür haben wir bereits 2021 gemeinsame Grundsätze beschlossen:
- Vor Ort einkaufen, wenn möglich. Im Laden statt online.
- Wenn das nicht möglich ist, in folgender Priorisierung:
- in der Region,
- in Deutschland,
- in der EU,
- außerhalb der EU ausschließlich bei Unternehmen, die sich zu Menschenrechten und fairen Arbeitsbedingungen verpflichten.
Diese Regeln spiegeln eine klare Haltung wider: Wir möchten lokale Strukturen stärken, unnötige Transportwege vermeiden und möglichst verantwortungsvoll konsumieren. Gleichzeitig lohnt sich ein ehrlicher Blick auf die Grenzen und Zielkonflikte solcher Vorgaben.
Warum „im Laden statt online“ grundsätzlich sinnvoll ist
Der stationäre Handel erfüllt wichtige Funktionen:
- Er hält Innenstädte lebendig.
- Er stärkt die Identifikation zwischen den Einwohnern einer Stadt und ihrer lokalen Wirtschaft.
- Er ermöglicht qualifizierte Beratung und direkten Kontakt.
- Er schafft Arbeitsplätze und bildet aus
- Er zahlt lokal Steuern und trägt zur regionalen Infrastruktur bei.
Lokal einzukaufen ist deshalb auch stets eine Investition mit hohem Mehrwert.
Dazu kommt der Nachhaltigkeitsaspekt beim direkten Kauf vor Ort:
- keine zusätzliche Einzelverpackung
- keine Retourenlogistik
- keine Expresslieferungen
- weniger anonymisierte Wegwerfmentalität
Die Realität ist aber oft komplizierter
„Im Laden statt online“ ist nicht unbedingt automatisch die nachhaltigste oder praktikabelste Lösung.
Viele lokale Geschäfte haben bestimmte Produkte selbst nicht auf Lager und bestellen diese ebenfalls online über Großhändler. Das bedeutet:
- zusätzliche Transportwege
- zusätzlicher Aufwand der lokalen Händler
- teilweise sogar dieselben Lieferketten wie beim Direktkauf
Hinzu kommt der praktische Aspekt aus Sicht der Ehrenamtlichen:
- Berufstätige müssen Öffnungszeiten berücksichtigen
- Es entstehen zusätzliche Fahrten
- Besorgungen benötigen oft unverhältnismäßig viel Zeit
Wenn jemand nach Feierabend mit dem Auto in mehrere Geschäfte fahren muss, um ein kleines Ersatzteil zu beschaffen, kann die ökologische Bilanz schlechter sein als eine gebündelte Onlinebestellung.
Ehrenamtszeit ist ein wertvolles Gut
Besonders wichtig ist dabei auch der Blick auf den Faktor Zeit. Denn freie Zeit ist – ebenso wie bezahlte Arbeitszeit in der Wirtschaft – keine beliebig verfügbare Ressource. Im Ehrenamt gilt das oft sogar noch stärker: Wer freiwillig und ohne Vergütung Zeit investiert, spendet einen Teil seines Lebens für die Gemeinschaft. Diese Zeit ist daher deutlich anders - nämlich wesentlich höher! - zu bewerten als bezahlte Arbeitszeit.
Ein Repair-Café lebt davon, dass Menschen langfristig motiviert bleiben. Regeln dürfen deshalb nicht dazu führen, dass Ehrenamtliche unnötig belastet oder organisatorisch überfordert werden.
Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur:
- Ressourcen zu schonen
- Lieferketten zu verbessern
- lokale Wirtschaft zu stärken
sondern zusätzlich auch:
- Ehrenamt dauerhaft tragfähig zu halten
- Menschen nicht auszubrennen
- Engagement realistisch umsetzbar zu gestalten
Was ist die Lösung?
Es kann deshalb sinnvoll sein, die Regel „Lokal statt online“ eher als Orientierung denn als starres Dogma zu verstehen.
Zum Beispiel:
- Lokaler Einkauf, wenn sinnvoll und praktikabel - für beide Seiten: Händler und Konsument
- Regionale Anbieter bevorzugen (wenn vorhanden, auch online)
- Wenn lokaler Einkauf nicht sinnvoll: Onlinebestellungen bündeln
- Nachhaltigkeit ganzheitlich betrachten: Zeit, Transport, Verfügbarkeit und soziale Bedingungen gemeinsam.
Denn nachhaltiges Handeln bedeutet oft nicht, die theoretisch perfekte Lösung, sondern eine vernünftige Balance zwischen ökologischen, sozialen und praktischen Anforderungen zu finden - für alle Beteiligten.
Ein Kommentar von Petra Beringer